Ein Beispiel von Baukunst
Laurids Ortner


Apulien reicht als lang gezogener Streifen vom Sporn bis zum Absatz des italienischen Stiefels. Eine flache, staubige Gegend. Soweit man blickt, ein gestreutes Gemisch von Einzelbauten, Baum- und Weinpflanzungen auf graugelber Erde.

Von Andria kommend landeinwärts gewandt lässt sich, kurz nachdem man die letzten Ausläufer dieser städtischen Anhäufung hinter sich gelassen hat, eine unglaubliche Erscheinung wahrnehmen. Noch entfernt am Horizont, aber überraschend kompakt, schwebt über dem dunstigen Land ein klar umrissener steinerner Kubus. Tiefe Schattenstreifen gliedern den fahlen Block. Im Näherkommen lösen sich gestreckt über die ganze Höhe massive Teile aus diesem vermeintlich geschlossenen Kubus, die sich schließlich in der Nähe aus ihrer kubischen Form zu polygonen Prismen herausdrehen: Castel del Monte.

Friedrich II gab 1240 den Auftrag zur Errichtung. Als Standort wählte er den Hügel, der kegelstumpfförmig 540 m hoch, weit über die Ebene Apuliens und der Basilikata herrschte. Die Landschaft damals war üppig grün, reich an Wild und Vögeln und so voller Anmut, dass Friedrich sie allen seinen Ländern vorzog. Für welchen Zweck das Castel errichtet wurde, ist unklar. Für ein Jagdschloss fehlten Küche, Ställe, Keller und für einen Wehrbau die notwendigen militärischen Vorkehrungen. Für beides war das Castel zu grandios und im Inneren zu prächtig ausgestattet, im Übrigen hielt Friedrich sich hier nie auf. Vieles deutet darauf hin, dass der Bau als ganzes eher mathematischen und astronomischen Gesetzmäßigkeiten folgte als denen einer irdischen Funktionalität. Ein suggestiver Zauber geht von dem Gebäude aus. Er lässt sich nicht fassen. Was von ferne gesehen wie schwebend wirkte, erweist sich vor Ort als massiv geschlossenes Steinwerk. Aber die ungeheure Schwere wird aufgehoben durch eine Drehkraft, die den Bau um sein Zentrum kreisen lässt. Das Quadrat der Grundrissfigur nähert sich im Drehen immer mehr dem Kreis, als Ganzes ein rotierender Würfel, an dessen Kanten sich neue kubische Drehkörper abzulösen beginnen. Ruhiges Zentrum und strahlende Seele des Baus: Der achteckige Innenhof. Alles Licht wird hier über die acht umgebenden Sandsteinwände in den Masse-Ring der umgebenden Räume gelenkt. Es ist das Zusammenwirken dieses gebändigten Lichts mit der schweren Substanz des Baues, das den Besucher unausweichlich in Bann schlägt. Schwere definiert sich dabei neu: als Ahnung einer in dichtester Masse eingeschlossenen Macht, die alles zu beugen vermag.




An Example of Architecture
Laurids Ortner


Apulia is a long strip stretching from the spur to the heel of boot-shaped Italy. It is a flat, dusty region; a sprawl of single houses, tress and vineyards on grey-yellow earth.

Coming from Andria heading inland and shortly after passing the last fringes of the urban sprawl, an amazing sight comes into view. Still far away on the horizon, yet surprisingly compact, a sharply outlined cube made of stone seems to hover over the hazy land. Deep shadows structure the pale block. As you approach you see that long solid blocks protrude over the whole height of this supposedly pure cube. Close up their cubic form changes to polygonal prisms: Castel del Monte.

Frederick II commissioned the building in 1240. He decided to build the castle on a hill, which, truncated at 540 m, presides over the plains of Apulia and the Basilicata. In those days the countryside was a lush green, full of red deer and birds and so beautiful that Frederick favoured it over all his other lands. We do not know for what purpose the castle was built. For use as a hunting seat a kitchen, stables and cellar are missing and for a fortification the necessary military provisions are lacking. The castle was too grand and the interior too magnificently furnished for either purpose. Furthermore, Frederick never stayed here. The building as a whole seems to follow mathematical and astronomical principles rather than worldly functionality. The building radiates a suggestive magical quality, yet this cannot be grasped. It seems to hover when seen from afar but proves to be a massive block of stone upon closer view. But the colossal weight is balanced by the act of rotation so that the building rotates around its centre. The square floor plan turns more and more into a circle as it spins, it is a rotating cube in its entirety and new cubic bodies begin to from at its edges. The quiet centre and radiant soul of the building is the octagonal inner courtyard. The eight surrounding sandstone walls direct all the light into the mass-ring of the surrounding rooms. It is the interplay of this controlled light with the heavy substance of the building that inevitably spellbinds visitors. Heaviness is given a new definition: as the notion of a power which is enclosed in the densest mass and which is capable of subduing everything.